Heimatverein Angelbachtal e.V.

Verdorbener Kartoffelsalat hat manchem das Leben gerettet


Angelbachtal. (abc) Bruchsal, Heilbronn, Pforzheim – all diese Städte rund um den Kraichgau haben während des Zweiten Weltkriegs durch Luftangriffe der Alliierten massive Beschädigungen erlitten. Doch wie erlebte die Bürgerschaft der Heckergemeinde insbesondere die letzten Tage dieses unrühmlichen Kapitels deutscher Geschichte? Dieser Frage ist der hiesige Heimatverein nachgegangen und hat am Samstagabend anlässlich der jüngsten Ausgabe der „Angelbachtaler Heimatgeschichte(n)“ „Die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges in Eichtersheim und Michelfeld“ in Foyer der Sonnenberghalle nachgezeichnet.

„Wir haben dieses Thema bewusst ausgewählt, weil das, was wir heute Abend behandeln werden, aus dem Gedächtnis vieler schon verschwunden ist“, erklärte eingangs die Vorsitzende des Heimatvereins, Elisabeth Kern-Waechter. Ihr zufolge werden einerseits die Zeitzeugen jener unrühmlichen Epoche der jüngeren deutschen Geschichte immer weniger. Andererseits gibt es aber auch jüngere Menschen wie den hiesigen Hobbyhistoriker Markus Böhm, der einen Dokumentarfilm über die letzten Kriegstage in Eichtersheim und Michelfeld erstellt hat. Dieses eindrucksvolle und rund 40minütig Werk wurde anschließend gezeigt und schnitt etliche jener Ausführungen an, die nach einer kurzen Pause mehrere Zeitzeugen bzw. deren Nachfahren aus erster respektive zweiter Hand tätigen sollten.

Zunächst war der ehemalige Wirt des Gasthauses und heutigen Landhotels Ritter-Post in Eichtersheim, Fritz Schweikert, an der Reihe. „Ich war damals acht Jahre alt“, erklärte er und verwies auf den so genannten Volkssturm, der – unter anderem bestehend aus nur wenig älteren Jungen als Schweikert selbst – den Vormarsch der feindlichen Truppen aufhalten sollte. Ein Trupp dieses letzten Aufgebotes der Wehrmacht machte sich, mit reichlich Kartoffelsalat im Gepäck, auf den Weg zu den Kampfhandlungen. Doch dazu kam es nicht, da der Trupp nach dem Verzehr der Marschverpflegung Magen-Darm-Probleme bekamen. Ob beabsichtigt oder nicht, hatte die edle Spenderin damit wohl einigen der Volkshelden in spé das Leben gerettet.

Mit Dieter Landes erwähnte anschließend ein weiterer Zeitzeuge „große Ängste“, die damals von der hiesigen Bevölkerung ausgestanden worden waren – unsicher, was nach dem erhofften Kriegsende geschehen würde. Vorher waren unter anderem die Glocken aus den Kirchtürmen geholt und zum Einschmelzen eingezogen worden. Irgendwann begannen dann die Bombardierungen größerer Städte rund um den Kraichgau: „Um zehn, elf Uhr abends herum sind die über das Dorf“, deutete Landes seine damaligen Erinnerungen. Eine der alliierten Maschinen stürzte damals über dem benachbarten Mühlhausen ab, aber auch die „Entenmörder“ genannte Lokalbahn wurde beschossen. Es gab aber auch eine Kartoffelkäfer-Plage, die vor allem der Nachwuchs durch Absammeln bekämpfen musste. Bombardements richteten glücklicherweise kaum Schaden an. Lediglich ein Blindgänger durchschlug ein Scheunendach. Als die künftigen amerikanischen Besatzer ins Dorf kamen, gab es einige Straßenkämpfe, wobei am Ende sieben, acht deutsch Soldaten, die sich ergeben hatten, am Gasthaus Zum Hirsch in Eichtersheims Hauptstraße aufgereiht waren. „Einer lachte“, erinnerte sich Landes: „Der war froh, jetzt isch´s rum.“

Anschließend zogen die Amerikaner gen Michelfeld weiter. Hilde Schäfer, geborene Berbericht, hatte dahingehend einiges zu erzählen: „Nüssles Haus war getroffen, da konnten sie nicht mehr drin schlafen. Dann haben sie bei uns in der Kammer geschlafen im Strohsackbett.“ Am nächsten Morgen wurde der mitgebrachte Nachttopf samt Inhalt natürlich zu Hause entleert, d.h. nicht bei der Gastfamilie. Kriegsgefangene quartierte die Wehrmacht unter anderem in einem Tabakschuppen ein. Die Zeitzeugin erhielt dort von einem farbigen US-Soldaten im Tausch gegen ein Stück Brot ein Kreuz samt Kette, das sie bis heute trägt.

Nun berichtete Thomas Brecht als erster Vertreter der Nachkriegs-Generation. Dessen Vater, 1945 zwölf Jahre alt, hatte ihm viel erzählt, was er nun zum Besten gab. Sein Großvater wollte desertieren und war von Odenheim aus über den Östringer Schindelberg nach Hause gelaufen. Dort waren aber die so genannten „Kettenhunde“ unterwegs, die nach Fahnenflüchtigen suchten. Also schaute er nur kurz bei der Familie herein und begrub ganz schnell seinen Plan, der Wehrmacht den Rücken zu kehren. Thomas Brechts Vater erlitt bei einer der letzten Schießereien eine Knieverletzung als lebenslange Erinnerung an die schlimme Kriegszeit.

Nun verlas die Vorsitzende des Heimatvereins die Kriegserinnerungen von Frieda Uhrig, geborene Seeburger: „Die Amerikaner sind bei uns an Ostern 1945 mit Panzern und Soldaten einmarschiert, zitierte Kern-Waechter. In Michelfeld gab es fünf Tote, die Uhrigs Vater, der damals Hilfstotengräber war. Seine damals elfjährige Tochter musste ihm dabei helfen, die Leichen auf dem Friedhof zu bestatten – sonst wäre er mit der schweren Arbeit nicht vor Sonnenuntergang fertig geworden.

Zum Abschluss der jüngsten „Angelbachtaler Heimatgeschichte(n)“, für die Matthias Brecht eine Ausstellung mit historischen Exponaten konzipiert hatte, kam noch Liesel Götzinger zu Wort. Sie hatte 2019 beim Umgraben des Hühnergartens ihrer Mutter eine amerikanische Handgranate aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden, die vom Kampfmittelräumdienst abtransportiert wurde. Glücklicherweise hatte sie unbewusst wohl den Zündkopf der Granate abgehackt, die daher nicht mehr explodieren konnte. Der Zündkopf bleib bis heute verschwunden, während die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg innerhalb der Heckergemeinde dank der jüngsten „Angelbachtaler Heimatgeschichte(n)“ nun wohl deutlich präsenter sind als bisher. „Wir müssen uns jeden Tag entscheiden und selbstkritisch hinterfragen, ob das, was man tut, mit den Werten vereinbart werden kann, die für die Gesamtgesellschaft gelten“, gab Kern-Waechter dem erfreulich zahlreichen Publikum abschließend mit auf den Heimweg.

Elisabeth Kern Waechter

E-Mail: info@heimatverein-angelbachtal.de